FledermausFledermaus Übertage & Untertage Berichte mit vielen Fotografien

Thomas Siegel (Der Bergmann)Thomas

  • Alter: 52 Jahre
  • geschieden
  • 2 Söhne (22 und 20 Jahre)
  • gelernter Bergmechaniker und Krankenpfleger

Von 1987 bis 1997 Bergwerk Westerholt, später Schacht Polsum

Zum Schluss Sprengstoffbeauftragter

Von 1997 bis 2000 Umschulung zum Krankenpfleger
Von 2000 bis heute OP-Pfleger im Knappschaftskrankenhaus in Recklinghausen


Hobbys: Motorrad fahren, Rock Musik, mit Freunden feiern und zu guter Letzt: DER BERGBAU
Ich Wohne in einer alten Bergbausiedlung von Zeche Graf Bismarck im Schievenfeld.

 

 

Meine Geschichte über den Bergbau

Thomas unser Bergmann Untertage

 

Ich habe mich 1987 bei verschiedenen Betrieben um eine Lehrstelle beworben. Darunter waren auch Bergwerk Hugo in Gelsenkirchen Buer und Bergwerk Westerholt in der gleichnamigen Stadt. Mein Opa war selber 45 Jahre lang im Bergbau tätig, zuerst auf der Zeche Graf Bismark und anschließen auf der Zeche Hugo als Lehrsprengbeauftragter. Er hatte mir immer sehr viele interessante Geschichten über den Bergbau erzählt, wie gut die Ausbildung ist, der gute Verdienst, die gute Kameradschaft unter den Bergleuten und das es eine eigene Welt dort unten ist. Ich konnte mir es damals als Kind nur sehr schwer vorstellen, aber ich muss schon zugeben das mir seine Erzählungen schon sehr beeindruckt haben. Mein Onkel wurde Anfang der 80er Jahre selber Bergmann auf Hugo. Er war dort als Schachthauer angestellt und er erlitt mit 38 Jahren einen schweren Arbeitsunfall im Schacht wo er von den Tag an Frührentner wurde. Sein Unfall ereignete sich erst, als ich schon meine Lehre begonnen hatte, wäre es früher gewesen hätte ich wahrscheinlich dort niemals angefangen. Im juni 1987 wurde ich vom Bergwerk Westerholt zum Eignungstest eingeladen. Nach diesen bestandenen Eignungstest wurden wir gefragt ob wir dort auch arbeiten wollen. Falls ja, dann könnte man sofort einen Ausbildungsvertrag unterschreiben und man hätte auch nach der Lehrzeit eine Übernahmegarantie im Betrieb, was schon für die damalige Zeit nicht selbstverständlich gewesen ist.


Ich begann meine Lehre als Bergmechaniker im August 1987 auf der Schachtanlage Westerholt. Ich war damals noch 16 Jahre alt wie ich mit der Lehre anfing. Die Zeche Westerholt war eine sehr große und moderne Schachtanlage mit einer eigenen Kokerei auf der anderen Straßenseite. Meine Lehrzeit war sehr interessant gewesen. Man lernte sehr viel dort von der Metallbearbeitung in der Schlosserei, Schweißen, Hydraulik, Pneumatik, in der Schmiede, alles über bergmännische Tätigkeiten unter Tage wie man z.B. einen Türstockausbau errichtet, wie man einen Ausbau mit einen Glockenprofil (Stahl) errichtet, Strebpanzerketten verlängert und verkürzt usw. Das alles fand in der technischen Übungsstätte in Recklinghausen Hochlar statt. Dort war eine künstlich angelegte Strecke in einem Berg eingelassen und sollte uns den Eindruck von unter Tage vermitteln. Dort waren mehrere hundert Meter Stecke mit fast allen Maschinen eingerichtet in verschiedenen Ausbildungsstationen. Im 2. Lehrjahr ging es zum ersten mal nach unter Tage ins Lehrrevier. Bei meiner ersten Grubenfahrt war ich noch sehr aufgeregt gewesen. Die Tatsache das man sich über 700 Meter unter der erde befindet mit unvorstellbaren hohen Gebirgsdruck machte mir schon sehr viel Angst. Wir sind mit der ganzen Lehrmannschaft in den Förderkorb gestiegen der auf mich schon sehr beengt wirkte. Als wir dann dort so dicht an dicht standen wurde von hinten durch den Anschläger noch kräftig nachgedrückt, weil noch 5 weitere Leute dort rein sollten. Hätte ich meine Füße angehoben, ich wäre nicht mehr nach unten gerutscht. Dann fuhr der Förderkorb mit einer Geschwindigkeit von über 9 Meter pro Sekunde in den Schacht hinab. Durch ständiges gähnen beglichen wir den Druck in unseren Ohren. In der 3. Sohle angekommen begrüßte uns der Anschläger mit einem freundlichen Glückauf und öffnete uns die Schachttür. Der Anblick von der Grube erinnerte mich sehr an einem U-Bahn Tunnel mit Gleise und sehr viele Neonröhren. Wir hatten ca. 4-5 Meter Firsthöhe und schon verschwand meine Angst. Wir stiegen in den Personenzug und wurden ca. 20 Minuten zum nächsten Bahnhof gefahren. Damals noch mit einer alten Akkulokomotive, die später durch eine Diesel Lok ersetzt wurde. Als wir im Lehrrevier ankamen fielen mir die Erzählungen von meinen Opa ein und er hatte wirklich nicht übertrieben. Es war echt wie eine eigene Welt, die sich ein außenstehender nicht vorstellen könnte. Die Gerüche nach Hydraulikflüssigkeit, Öl und Kohle. Das zirpen der Heimchen im Stoß. Die Hitze die an einigen Stellen herrschte nachdem man durch eine Wettertür gegangen ist. Meine erste Tätigkeit war die Stahlrollen vom Gurtband zu wechseln und das Gummiband zu verlängern mit einer neuen Bandnaht.

 

Nach meiner 3-jährigen Lehrzeit wurde ich zur Schachtanlage Polsum verlegt ins Kohlenrevier. Die Schaltanlage Polsum gehört zur Zeche Westerholt welches 1943 abgeteuft wurde. Beide Schachtanlagen sind unter Tage miteinander verbunden. Schacht Polsum ist eine kleine Schachtanlage. Jeder kannte dort jeden und es herrschten schon Familiäre Verhältnisse. Polsum würde im grünen errichtet, in einer sehr ländlichen Gegend was der Schachtanlage einen gewissen Charme verlieh. Nachdem mal sich in der Weisskaue einer privaten Kleidung entledigt hatte und seine Plörren in seinem Korb nach oben gezogen hatte ging es zur Schwarzkaue wo man sich seine Arbeitskleidung anzog. Meisten rauchte man sich noch in der Schwarzkaue mit seinen Kumpels noch die ein oder andere Zigarrette die unter tage durch die Prise ersetzt wurde. Von der Schwarzkaue ging es dann die Treppen hoch zum Getränkeautomaten wo man sich den sogenannten KAUENWHISKEY abfüllen konnte. Für das Kohlenrevier hatte ich mir einen 5 Liter Kanister gekauft, weil dort sehr hohe Temperaturen herrschten am Hilfsantrieb und ich mit meiner 3 Liter Pulle nicht mehr hinkam. Anschließend ging man zur Lampenstube und man holte sich sein Geleucht und seinen CO-Filter ab. Dann ging es von der Stechuhr direkt zum Schacht. Am Schacht wurde nochmal mit seinem Kumpel die Arbeitsaufträge durchgegangen. Im Kohlenrevier hatte man ein Gedinge (Akkord). 2 Jahre später im Kohlenrevier wurde uns eine Schulung zum Sprengbeauftragten angeboten. Ich nahm zum Unmut meines Reviersteiger daran teil. Nach bestandener Prüfung sollte ich im Sprengrevier anfangen. Ich musste nur noch vom Revier freigestellt werden. Mein Reviersteiger wollte mir alle Steine im weg legen die er konnte, weil er einen guten Arbeiter im Umbau nicht verlieren wollte. Also rief ich in der Sprengstoffkammer an und habe mich mit deren Reviersteiger verbinden lassen. Ich sagte ihn das ich nicht bei ihm anfangen könnte, weil mein Steiger mich nicht freistellt. Er sagte nur:“ Er soll mal ans Telefon kommen“. Ich überreichte ihn den Hörer und merkte wie mein Reviersteiger beim Telefongespräch immer kleinlauter wurde und nur noch nickte und nichts sagte. Nach dem Telefongespräch sagte er zu mir im Vorbeigehen ohne mir in die Augen zu schauen THOMAS DU KANNST DORT AM MONTAG ANFANGEN. Wat soll ich sagen, ich war mit meinen 25 Jahren der jüngste Sprengstoff Beauftragter auf Polsum. Endlich hatte ich meinen Traumberuf gefunden. Hatte denselben Job wie mein Opa. War mein eigener Chef gewesen. Ging zu den Aufträgen alleine, nie wieder Gedinge. Diesen Job könnte ich locker bis zu meiner Rente durchziehen ohne jemals die Freude am Job zu verlieren. Meine Aufgabe bestand darin die fertig gebohrten Sprenglöcher im Revier mit Sprengstoff und Sprengzünder zu besetzen und zu verkabeln. Den Wiederstand zu messen mit einem Ohmmeter und meine Arbeit mit einem riesigen RUMMS in der ca. 200 Meter entfernten Zündstelle zu beenden. Anschließend wird vor Ort noch der Metangehalt gemessen und dann ging es wieder nach über Tage, wo sich die Sprengstoffkammer befand in einem eingelassenen Berg. 1997 allerdings wurde mir im Rahmen eines Umschulungsangebotes eine Umschulung angeboten. Da ich zu dieser zeit ledig und ohne Kinder war, fiel ich ins Raster. Man sagte mir das die Ruhrkokle AG zurzeit noch die finanziellen Mittel hätte mir diese Umschulung zu bezahlen und das ich meine Rente im Bergbau sowieso nicht mehr erleben würde, was sich später als fataler Fehler herausstellen sollte. Ich wählte das Umschulungsangebot zum Krankenpfleger die ich im Mai 1997 im Alfried Krupp Krankenhaus in Essen begann. Wir waren mit 20 ehemaligen Bergleuten ein eigener Kurs.

 


Thomas in Weiss ZeugRückblickend kann ich nur sagen, das ich im Herzen immer ein Bergmann geblieben bin. Ich bin jetzt zwar mittlerweile seit 25 Jahren in der Krankenpflege und war nur 10 Jahre Bergmann, aber ich vermisse die Zeit schon sehr in der Mine. Nirgendswo war der Zusammenhalt und die Kameradschaft so groß wie im Bergbau. Es waren so viele Nationalitäten dort vertreten, aber jeder kam mit jedem klar. Egal wie alt du warst und was du unter Tage für ne Tätigkeit hattest. Es war eine große Familie gewesen und du warst immer nur DER KUMPEL. Ich erinnere mich als ich zum ersten Mal im Kohlenrevier angefangen habe und ich nur eine 2 Liter Getränkeflasche dabei hatte. Meine Kniften hatte ich vor Aufregung zuhause liegen gelassen und es dauerte nicht lange bis mein KAUENWHISKEY zuneige ging. Es waren dort 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit jenseits der 90 Prozent Marke. Ich überlegte mir schon ernsthaft meinen riesen Durst im rostigen Kühlwasser Behälter zu stillen als meine Kumpels aus dem Streb mit ihre Getränkeflaschen und Essen anboten. Ich war sehr gerührt über so viel Kameradschaft und lud dieselben Kameraden nachher ins Zechengasthaus ein, wo ich ihnen einige Biere spendierte. Ich werde oft auf meiner Arbeit im Zentral OP von Ärzten und Pfleger gefragt ob ich wenn ich die Möglichkeit hätte wieder im Bergbau anzufangen würde mit einem eindeutigen JA beantwortet habe. Im Nachhinein hätte ich meine Anpassung als Jahrgang 1970 im Bergbau geschafft und ich wäre jetzt Rentner. Oft war ich auf einer alten Schachtanlage nach der Schließung 2008 gewesen als LOST PLACE und habe noch mal so alte Erinnerungen Revue passieren lassen. Einmal sogar mit Sven (Svenska), der mich in der Schwarzkaue sitzend ein Foto von mir gemacht habe in meinem sentimentalsten Moment. Ich saß dort auf der Bank und ließ meine Erinnerungen freien Lauf als die Schwarzkaue noch voller Bergleute war. Zurück in der Zeit, als wir noch mit blanken Hintern auf der Bank saßen, Kohlrabenschwarz, rauchend mit einem Feierabendbier im Griffel und uns über einige Anekdoten kaputtlachten. Meine alte Zeche Polsum war mittlerweile Opfer von Vandalismus und Zerstörung geworden. Viele Sachen wurden einfach in blinder Wut und Dummheit zerstört. Die alte Sprengstoffkammer wurde nach und nach demoliert und es tat im Herzen weh dieses nach und nach mitzubekommen. Die Kauenhaken lagen abgeschnitten auf dem Boden. Fenster wurden zerstört und das ganze Inventar glich einer Ruine. Mittlerweile wurde die Zeche dieses Jahr dem Erdboden gleich gemacht, weil nichts dort unter Denkmalschutz war. Oft hat es mich dort hinbewegt mit anzusehen wie die Bagger die Zeche nach und nach dem Erdboden gleich gemacht wurde. Mittlerweile sieht man nichts mehr vom Kulturerbe. Ein großes Stück Geschichte wurde einfach platt gemacht. Was geblieben ist sind die schönen Erinnerungen an dieser einmaligen Ära. Zwischendurch treffe ich noch ehemalige Kumpel und Ausbilder und teilen diese schönen Erinnerungen. Umso glücklicher bin ich, dass ich mittlerweile liebe Menschen getroffen haben die mein Hobby teilen. Olli, Sven, Martin, Dennis und ich haben dieses Jahr eine so tolle U-Verlagerungs und Altbergbau Tour im Harz gehabt, die echt keine Wünsche offengelassen haben. Sehr gerne bin ich mit ihnen unterwegs gewesen und die Tatsache das ich der einzige ehemalige Bergmann in der Truppe bin erfüllt mich mit Stolz.


Das Grundwissen über U-Verlagerungen bei den Kollegen ist echt sehr enorm und man ist echt sehr froh darüber ein Teil davon zu sein. Der Zusammenhalt und die Freundschaft ist schon sehr mit den Bergleuten gleich zu setzen. Wo immer auch ein kleines Stollenmundloch ist, wo man sich durchquetschen kann bin ich mit dabei. Auch mit 52 Jahren. Einmal Bergmann, immer Bergmann. Ein alter Arbeitskollege aus der Sprengstoffkammer hatte mir damals passend gesagt. DU BEKOMMST ZWAR DEN MENSCHEN AUS DEM BERGBAU, ABER NIEMALS DEM BERGBAU AUS DEM MENSCHEN. Wie recht er doch hatte.